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'ATX ist billiger als der Rest der Welt, aber Vorsicht bei Banken und Zyklikern'

Börse Express: Herr Wögerbauer, wie ist das 1. Halbjahr in Ihrer KAG gelaufen? Sind Sie zufrieden?

Alois Wögerbauer: Mit dem bisherigen Jahresverlauf sind wir sogar sehr zufrieden. Unsere Assets under Management sind um mehr als 300 Mio. auf etwa 4,9 Mrd Euro. gestiegen, wobei mehr als die Hälfte davon aus Nettomittelzuflüssen kam. Wir fühlen uns in unserem Weg, einfache Produkte mit klarem Profil zu bringen, bestätigt. Unsere neue Dividenden-Strategie, die 25 Substanzwerte zusammenfasst, brachte 40 Mio. Neugeld. Auch Bereiche wie Sachwerte und Nachhaltigkeit sind weiter gefragt. Anleger wollen zu Recht wissen und verstehen, was sie kaufen. Zudem wollen wir uns auch immer mit offenem Visier weiterentwickeln. Im Juni haben wir Kooperationen mit Jens Ehrhardt und Frank Lingohr begonnen. Beide sind langjährige deutsche Erfolgsstorys, beide sind klar aktiv in der Meinung, wenn auch sehr verschieden im Zugang.

BE: Sie propagieren "einfache Produkte". Ist das ein Trend in der Fondsindustrie?

Wögerbauer: Ich bin überzeugt, dass sich "Zurück zur Einfachheit" weiter fortsetzen wird. Anleger wollen verständliche Konzepte und eine klare Geschichte zum Fonds. Die Konkurrenz der ETFs sorgt mich weniger; sie wird nur einfach dazu führen, dass sich die Fondsanbieter klarer positionieren müssen. Noch immer gibt es viele Anbieter am Markt, die sich als aktive Manager darstellen, sich aber in Wahrheit relativ passiv hinter einer Benchmark verstecken. Auch die Konkurrenz der strukturierten Produkte sorgt mich wenig - auch hier wurde ja erkannt, dass dieses Segment nur mit Wasser kocht, wenn auch oft etwas hübscher verpackt und von den Kosten weniger transparent als der Fonds. Es ist somit Platz für alle da. Und weil Sie "eng gefasste Konzepte" ansprechen: Die werden eher verschwinden. So wurde vor einem Jahr noch Marketing getrieben für "Infrastruktur", weil die Staaten ja doch so viele Konjunkturpakete schnüren. Nur ein Jahr später sagt man - hoppla - die Staaten können sich das ja gar nicht lange leisten. Was sagt man jetzt dem Anleger? Es ist daher nicht sinnvoll, auf so enge Themen Anlagekonzepte aufzubauen. Sinn machen daher breite Stories wie Dividendenmodelle, Nachhaltigkeit oder Sachwerte.

BE: Zur Zukunft: Welches 'Big Picture' skizzieren Sie für die Märkte?

Wögerbauer: Unser Weltbild hat sich seit Jahresbeginn wenig verändert - egal, ob man damit jetzt jede Woche oder jeden Monat richtig liegt. Insgesamt sind wir in Staatsanleihen deutlich untergewichtet, weil die Zinsen entweder zu tief sind wie z. B. in Deutschland oder die Risiken zu hoch sind wie in den Südländern Europas. Wenn Staatsanleihen, dann schon eher Emerging Markets. Corporate Bonds sind eine solide Halteposition. Engagiert bleiben, aber nur selektiv zukaufen. Im Bereich der Fremdwährungen macht eine dosierte und diversifizierte Beimischung Sinn - vor allem Emerging-Markets-Wäh-rungen oder auch Bereiche wie etwa Norwegische Krone. Im Aktienbereich ziehen wir Sachwerte, Substanzaktien und defensive Geschäftsmodelle klar vor. Banken und Zykliker lieben wir nicht so, da wir denken, dass die Konjunkturperspektiven der nächsten Jahre sehr holprig sind. Insgesamt denken wir aber, dass viele Anleger derzeit die selektiven Chancen am Aktienmarkt eher unterschätzen.

BE: Gold ist schwer polarisierend - sind Sie immer noch bullish?

Wögerbauer: Wir halten seit Kursen von 700 Dollar unsere Goldempfehlung klar aufrecht. Wenn der Goldpreis, was immer sein kann, von 1200 auf 1050 fällt, werden jene, denen Gold bei 700 schon zu teuer war, "wir haben’s ja immer schon gewusst" sagen. Von dieser Schwarz-Weiss-Denke halte ich nichts. Gold ist in keiner Blase; wir sehen aber auch in keinster Weise unmittelbar Kursziele von 3000 Dollar oder mehr. Wir sagen nur: Die fundamentale Situation der Währungen Dollar, Pfund, Yen und Euro ist nicht sonderlich überzeugend. Wir denken daher, dass die "Währung Gold" auch in den kommenden Jahren sehr gute Chancen hat, weiter aufzuwerten. Wenn der Goldpreis jedes Jahr um 100 Dollar steigt, sind wir zufrieden. Wir sagen ja in keinster Weise, dass Gold das einzige Wahre ist. Wir sagen nur: Gerade wenn die Zukunft unklar ist, muss ich diversifizieren und wir fahren in unseren Diversifika- tionsportfolios derzeit Goldquoten von ca. 15 % des Vermögens. In der Goldeinschätzung macht die Analyse von zum Beispiel der Schmucknachfrage wenig Sinn. Die Frage ist nur: Was habe ich für ein globales Weltbild für die kommenden Jahre? Wenn sich wirklich die Schulden in Luft auflösen und die Konjunktur boomt - beides schliessen wir aus -, dann wird man die Goldbeimischung schon aushalten, weil die anderen Segmente gut laufen werden. Kommen aber weitere Krisenwellen, schaut’s anders aus.

BE: Und eine Abschluss-Frage, die der Börse Express immer stellen muss: Wie läuft der Österreich-Fonds?

Wögerbauer: Absolut betrachtet sind wir seit Jahresbeginn um die Nulllinie. Da dies aber um fünf Prozent besser als die Marktentwicklung ist, muss man wohl zufrieden sein. In einer Gesamtbetrachtung der Assets der Fondsgesellschaft sorgt mich Österreich am wenigsten. Die Bewertungen liegen nur leicht über dem Buchwert, damit ist der Markt billiger als im historischen Vergleich und deutlich billiger als der Rest der Welt. Unsere Firmen sind konkurrenzfähig, daher wird die Region Deutschland/Österreich in den kommenden Jahren vergleichsweise gut zurechtkommen. Man kann sich daher nur die guten Unternehmensstorys herauspicken und geduldig warten. Unmittelbar für die kommenden Monate ist aber wohl davon ausgehen, dass die Liquidität weiter zurück- und damit die Volatilität eher hochgeht. Daher: Nur Dinge kaufen, die man kennt und bei denen man das Geschäftsmodell versteht. Und dann Augen zu und durch ...

Interview: Christian Drastil

Aus dem Börse Express vom 21. Juli 2010