ROUNDUP 3: Deutsche Wirtschaft wächst überraschend - Inflation sinkt deutlich
(Neu: Durchgehend aktualisiert u.a. mit aktuellen Inflationszahlen)
WIESBADEN (dpa-AFX) - Die deutsche Wirtschaft ist trotz hoher Belastungen durch den Iran-Krieg und das Niedrigwasser im Sommer überraschend gewachsen. Positive Nachrichten gibt es auch bei der Inflation: Die Teuerungsrate sank nach vorläufigen Zahlen des Statistischen Bundesamtes im Oktober mit dem neuen Tankrabatt deutlich auf 2,8 Prozent - nach 3,3 Prozent im September. Für Entwarnung bei den Verbraucherpreisen ist es nach Einschätzung von Volkswirten allerdings noch zu früh - und auch beim Wirtschaftsaufschwung muss sich noch erweisen, wie nachhaltig dieser ist.
Im dritten Quartal legte das Bruttoinlandsprodukt zum Vorquartal um 0,2 Prozent zu, wie das Statistische Bundesamt auf Basis erster Daten errechnete. Nach vier Wachstumsquartalen in Folge zeichnet sich damit immer deutlicher ab, dass Europas größte Volkswirtschaft nach drei mageren Jahren 2026 wieder ein robustes Wachstum verzeichnen kann.
Konsum überrascht positiv
Ökonomen hatten nicht zuletzt wegen des Niedrigwassers mit einer Stagnation im dritten Quartal gerechnet. "Die Daten zeigen, dass die Konjunktur weiterhin besser läuft als gedacht", bilanziert Jens-Oliver Niklasch, Ökonom bei der Landesbank LBBW.
Im Zeitraum Juli bis September legten die Konsumausgaben laut Bundesamt leicht zu. "Der private Konsum war im Sommerquartal der Wachstumstreiber. Die höheren Energiepreise haben den privaten Haushalten die Kauflaune nicht verdorben", analysiert KfW-Chefvolkswirt Dirk Schumacher.
Allerdings machen deutlich gestiegene Preise fürs Tanken und Heizen Verbrauchern zu schaffen - trotz Tankrabatt. Für Sprit und Haushaltsenergie mussten die Menschen in Deutschland im Oktober 12,2 Prozent mehr zahlen als ein Jahr zuvor. Lebensmittel verteuerten sich kaum, bei Dienstleistungen ließ der Preisdruck weiter nach.
Für Entwarnung bei der Inflation sei es dennoch zu früh, sagt Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. Wie andere Ökonomen erwartet er, dass die massiv gestiegenen Energiepreise schrittweise auf die Preise anderer Güter und Dienstleistungen durchschlagen. "Um die Jahreswende wird die Inflation wohl wieder über 3 Prozent liegen", prognostiziert Krämer.
Exporte schwächeln
Die Investitionen gingen im dritten Quartal zurück. Auch die Exporte entwickelten sich schwächer. "Die in der ersten Jahreshälfte noch sehr dynamische Entwicklung der Exporte schwächte sich im dritten Quartal 2026 merklich ab", schrieben die Statistiker.
Zwar brachte das Rekord-Niedrigwasser im Sommer die Erholung der deutschen Wirtschaft etwas ins Stocken. In den ersten beiden Quartalen hatte die Wirtschaft zum Vorquartal um 0,4 Prozent beziehungsweise 0,3 Prozent zugelegt. Doch die befürchtete Stagnation im Sommer blieb aus.
Rückenwind vom Arbeitsmarkt
Auch vom Arbeitsmarkt kommen leicht positive Nachrichten: Die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland sank im Oktober zum Vormonat um 40.000 auf 2,955 Millionen, wie die Bundesagentur für Arbeit (BA) mitteilte. Die Arbeitslosenquote ging um 0,1 Punkte auf 6,3 Prozent zurück.
Der Rückgang falle aber relativ schwach aus. "Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sind für eine Besserung am Arbeitsmarkt nach wie vor nicht ausreichend", sagte BA-Chefin Andrea Nahles. Im Vergleich zum Oktober 2025 stieg die Zahl der Arbeitslosen um 44.000.
Ökonomen erwarten Jahresendspurt
Dass die deutsche Wirtschaft sich trotz aller Krisen robust zeigt, macht Hoffnung auf ein Ende der konjunkturellen Durststrecke. "Die Erholung dürfte sich in den kommenden Quartalen fortsetzen", sagt Nils Jannsen vom Kiel Institut für Weltwirtschaft (IfW).
Die Stimmung in den Chefetagen der Unternehmen hatte sich zuletzt weiter verbessert - laut Ifo-Institut den sechsten Monat in Folge. Und die Erwartungen, dass sich das Exportgeschäft belebt, sind nach jüngster Ifo-Erhebung so gut wie seit Beginn des Ukraine-Krieges im Februar 2022 nicht mehr.
Für das Gesamtjahr erwarte die Bundesregierung 1,3 Prozent Wachstum. Andere Prognosen sind noch optimistischer. 2025 hatte das BIP um 0,2 Prozent zugelegt, davor gab es zwei Jahre in Folge ein Minus.
Keine Entlastung bei der Inflation in Sicht
Der Konflikt zwischen den USA und Iran, der die Preise für Öl und Gas anheizt, ist allerdings weiter ungelöst. Immer mehr Firmen planen Preiserhöhungen. "Die Unternehmen reagieren auf die kräftig gestiegenen Preise für Rohöl und Erdgas, die in der zweiten Oktoberhälfte den höchsten Stand seit 2022 erreicht haben", sagt Ifo-Konjunkturchef Timo Wollmershäuser.
Schon jetzt halten viele Menschen ihr Geld zusammen, wie die jüngste Konsumklimastudie der Nürnberger Institute NIM und GfK ergab. Eine YouGov-Umfrage für die Postbank ergab, dass vier von zehn Haushalten wegen gestiegener Preise auf Ersparnisse zurückgreifen müssen.
Staatliche Milliarden treiben Wachstum
Ein Großteil des Aufschwungs ist von den staatlichen Milliarden für Infrastruktur und Verteidigung getrieben. ING-Chefvolkswirt Carsten Brzeski gibt zu bedenken, dass "ein paar Quartale mit Aufschwung noch nicht automatisch eine nachhaltige Erholung bedeuten".
Nach Einschätzung von LBBW-Ökonom Niklasch wird sich 2027 zeigen, ob die Belebung der Konjunktur nur ein Strohfeuer ist: "Für ein dauerhaft höheres Wachstum müssten die Investitionen stärker zulegen, was bis jetzt nicht der Fall ist."/ben/als/DP/mis
AXC0212 2026-10-30/15:08