wiiw: Osteuropa wächst trotz hoher Energiepreise weiter stark / EU-Oststaaten wachsen 2026 um 2,2 Prozent - Polen Spitzenreiter - Impuls für Österreichs Wirtschaft - Hohe Staatsausgaben zwingen Rumänien in Rezession - Ukraine und Russland stagnieren
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Die Wirtschaft in Mittel-, Ost- und Südosteuropa zeigt sich vom jüngsten Energiepreisschub und der schwachen deutschen Konjunktur überraschend unbeeindruckt. Das Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw) erwartet in seiner am Mittwoch veröffentlichten Herbstprognose für die 23 Länder der Gesamtregion im Jahr 2026 ein Wirtschaftswachstum von 1,8 Prozent. Für die östlichen EU-Mitglieder geht das Institut mit 2,2 Prozent von einem noch stärkeren Plus aus.
Damit entwickelt sich die Region weiterhin deutlich besser als die Eurozone (0,9 Prozent), wo die Wirtschaftsleistung nahezu stagniert. Seit der Frühjahrsprognose habe sich das globale Umfeld verschärft, sagte wiiw-Direktor Mario Holzner bei der Pressekonferenz. Infolge geopolitischer Eskalationen stiegen die Rohölpreise um über 50 Prozent und die europäischen Erdgas-Futures um rund 70 Prozent. Dies treibe die Inflation an und bremse Zinssenkungen der Zentralbanken. Zugleich verlaufe die Erholung der deutschen Industrie schleppend, wobei sich Impulse von der Automobilbranche in Richtung Rüstung und Infrastruktur verlagerten - Bereiche, in denen die ostmitteleuropäische Wirtschaft weniger stark verflochten sei.
Wichtiger Wachstumsimpuls für Österreichs Wirtschaft
Für Österreich bleibt die Region eine der wichtigsten Stützen. "Die Situation ist überraschend robust in der Region und Österreich profitiert noch mehr als sonst." Zwar bleibe Deutschland der für Österreich bedeutendste Einzelmarkt, "aber man kann sagen, die Region Mittel-Ost-Südosteuropa ist der zweitwichtigste Exportmarkt", so Holzner. Der Beitrag zum österreichischen BIP-Wachstum über Exporte in die Region steige von 0,12 Prozentpunkten heuer auf 0,16 Prozentpunkte im Jahr 2028. Auch die Einnahmen im heimischen Tourismus legten bei Gästen aus der Türkei, Ungarn, Kroatien und Polen zuletzt jeweils um mindestens 10 Prozent zu.
Zugleich vollzieht sich ein struktureller Wandel bei den Wachstumstreibern. "Investitionen lösen den Konsum als wichtigsten Wachstumstreiber ab", erklärte der stellvertretende wiiw-Direktor Richard Grieveson. "Das ist eine wichtige Trendwende." Das Modell der billigen "verlängerten Werkbank" weiche zunehmend Produkten und Dienstleistungen mit höherer Wertschöpfung. Wegen des steigenden Lohndrucks würden Unternehmen verstärkt in Automatisierung und Digitalisierung investieren. Zudem werde der regionale Wachstumsimpuls jenen aus Deutschland klar übertreffen: "Der Wachstumsimpuls aus Südosteuropa wird bis 2028 fast doppelt so groß wie jener aus Deutschland", sagte Grieveson.
Polen als Spitzenreiter
Unter den EU-Mitgliedern der Region bleibt Polen mit prognostizierten Zuwächsen von 3,7 Prozent (2026) und 3,0 Prozent (2027) der wirtschaftliche Spitzenreiter. Polen sei eine vergleichsweise große Volkswirtschaft mit einer diversifizierten Wirtschaftsstruktur, erklärte Holzner. Darüber hinaus habe Polen auch von der Integration ukrainischer Flüchtlinge in den polnischen Arbeitsmarkt profitiert.
Auf der Kehrseite stiegen die Staatsausgaben in den elf östlichen EU-Ländern seit 2017 von unter 40 Prozent auf über 46 Prozent des BIP. "Der Staat spielt insgesamt eine viel größere Rolle in der Wirtschaft", sagte Grieveson. Da dieser Anstieg primär über Neuverschuldung finanziert werde und Zinszahlungen etwa in Ungarn und Rumänien bereits 8 bis 9 Prozent der Staatsausgaben erreichen würden, seien Einsparungen unvermeidbar. Rumänien rutsche aufgrund eines strikten Sparkurses heuer mit -0,4 Prozent sogar in eine leichte Rezession.
Erholung in Ungarn, Stagnation in Kriegsländern
Eine Wende verzeichnet Ungarn nach dem Regierungswechsel zu Premierminister Péter Magyar. Das wiiw erwartet ein BIP-Plus von 1,7 Prozent für 2026 und 2,6 Prozent für 2027. wiiw-Ungarn-Experte Sandor Richter begründet die wirtschaftliche Erholung vor allem mit der Freigabe blockierter EU-Mittel. Er geht davon aus, "dass ungefähr 16,4 Milliarden Euro in den nächsten drei Jahren mobilisiert werden können." Das löse kräftige Impulse bei den Investitionen aus.
In den Kriegsländern Ukraine und Russland stagniert die Konjunktur mit einem erwarteten Wachstum von jeweils nur 0,6 Prozent im Jahr 2026. Zerstörungen an Energieanlagen und Verladeeinrichtungen schädigen die ukrainische Landwirtschaft und Industrie schwer. "Russlands massive Luftangriffe und die damit verbundenen Zerstörungen von Energieanlagen, kritischer Infrastruktur und Verladeeinrichtungen am Schwarzen Meer sowie die Blockade der Häfen treffen die Wirtschaft immer härter", sagte wiiw-Expertin Olga Pindyuk. Russland selbst leidet unter Treibstoffengpässen nach Drohnenangriffen auf Raffinerien, was die Inflation anheizt und Zinssenkungen blockiert.
(Redaktionelle Hinweise: GRAFIK 1289-26) ivn/hel
ISIN WEB http://www.wiiw.ac.at/