wiiw: EU-Marshallplan für den Wiederaufbau der Ukraine / Studie des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche wertet Wiederaufbau als strategische Investition für Europa
Der Wiederaufbau der Ukraine wird eines der größten wirtschaftlichen Projekte Europas seit dem Zweiten Weltkrieg. Ende 2025 wurden die dafür benötigten Mittel auf über 500 Mrd. Euro geschätzt. Bis Kriegsende dürfte diese Summe noch deutlich steigen. Alleine kann die Ukraine den Betrag nicht stemmen. Die EU werde daher eine zentrale Rolle bei der Finanzierung spielen müssen, heißt es in einer neuen Studie des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw).
Die Studie wertet den Wiederaufbau als strategische Investition in Europas wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit, Sicherheit und geostrategische Autonomie. "Richtig gestaltet, kann der Wiederaufbau der Ukraine Europas Lieferketten stärken, neue industrielle Kapazitäten schaffen und die Abhängigkeit von kritischen Energie- und Rohstoffimporten reduzieren", sagt Olga Pindyuk, Ukraine-Expertin am wiiw und Autorin der Studie.
Marshallplan für die Ukraine
Die Kosten des Wiederaufbaus übersteigen die finanziellen Mittel der Ukraine bei weitem. Das ukrainische BIP lag 2025 bei rund 190 Mrd. Euro. Würde das Land den Wiederaufbau selbst finanzieren, müsste es laut Studie über zehn Jahre hinweg jährlich etwa 15 Prozent seiner Wirtschaftsleistung dafür aufbringen, bei einem angenommenen nominalen BIP-Wachstum von durchschnittlich 15 Prozent. Gleichzeitig liegt die Staatsverschuldung bereits bei mehr als 100 Prozent des BIP.
"Die Ukraine muss ihren Wiederaufbau primär über Zuschüsse, die nicht zurückgezahlt werden müssen, finanzieren können. Damit sollte auch möglichst viel privates Kapital angezogen werden", erklärt Pindyuk. Sie verweist dabei auf den Marshallplan für Westeuropa, der ebenfalls zu mehr als 90 Prozent aus Zuschüssen bestand.
Da mit den öffentlichen Geldern auch privates Kapital, insbesondere ausländische Direktinvestitionen, mobilisiert werden soll, plädiert die Studie für einen Ausbau staatlicher Kreditgarantien und Risikoausfallversicherungen für Investoren. Gleichzeitig müsse die Ukraine Reformen bei Rechtsstaatlichkeit, Justiz und Korruptionsbekämpfung vorantreiben und EU-Standards übernehmen, um das Vertrauen von Investoren zu stärken.
Pindyuk: Wiederaufbau sollte eng mit EU-Beitrittsprozess verknüpft werden
Entscheidend für eine erfolgreiche wirtschaftliche Erholung der Ukraine sei nicht allein die Höhe der Finanzhilfe, sondern auch eine klare staatliche Entwicklungsstrategie und die wirtschaftliche Integration mit dem Ausland. Pindyuk argumentiert daher, dass der "Wiederaufbau des Landes eng mit dem EU-Beitrittsprozess der Ukraine verknüpft werden" sollte.
Die Ukraine könnte laut Studie aufgrund ihrer Größe und ihrer gut ausgebildeten Bevölkerung ein attraktiver Produktionsstandort und Absatzmarkt sein. Besonders in der Auto-, Rüstungs-, Luftfahrt- und Elektronikindustrie könnten neue Kapazitäten europäische Lieferketten stärken. Auch bei erneuerbaren Energien sieht das wiiw großes Potenzial und die Ukraine könnte damit maßgeblich zur Energiesicherheit und Dekarbonisierung Europas beitragen.
Von strategischer Bedeutung sind zudem die Rohstoffvorkommen des Landes. In der Ukraine gibt es Lagerstätten von 25 der 34 von der EU als kritisch eingestuften Rohstoffe, darunter Lithium, Titan und Mangan. Eine stärkere wirtschaftliche Integration könnte Europas Abhängigkeit von China in diesem Bereich verringern.
Auch eine stärkere Einbindung der ukrainischen Rüstungsindustrie könnte laut Studie Produktionskapazitäten in Europa erhöhen. Die Ukraine verfügt insbesondere bei Drohnen, elektronischer Kriegsführung und digitalen Gefechtsführungssystemen über umfangreiche Erfahrungen.
Österreich könnte besonders stark profitieren
Für Österreich eröffnet der Wiederaufbau laut wiiw erhebliche wirtschaftliche Chancen. Österreichische Unternehmen sind traditionell stark in Mittel- und Osteuropa engagiert und in Branchen wie Maschinen- und Anlagenbau, Bauwirtschaft, Energie, Verkehr, Umwelttechnik, Wasseraufbereitung sowie Banken und Versicherungen vertreten.
Die Erfahrungen mit der EU-Osterweiterung zeigen laut Studie das Potenzial: Der Bestand österreichischer Direktinvestitionen in den elf osteuropäischen EU-Mitgliedstaaten stieg von 2,5 Mrd. Euro 1997 auf 91,3 Mrd. Euro 2024.
"Österreichische Unternehmen sind aufgrund ihrer langjährigen Erfahrung in Mittel- und Osteuropa und ihrer zum Teil schon bestehenden Präsenz in der Ukraine gut positioniert, um sowohl direkt als auch indirekt vom Wiederaufbau und der EU-Integration der Ukraine enorm zu profitieren", meint Pindyuk.
prrm/mhh
ISIN WEB http://www.wiiw.ac.at/