Europa muss beim Schutz kritischer Infrastruktur viel dazulernen / Experten pochen auf mehr Zusammenarbeit, damit Europa gegen USA und China bestehen kann - Cyberschutz für den Song-Contest in Wien wäre noch ausbaufähig
Nicht mehr einzelne Innovationen sind entscheidend für eine erfolgreiche Zukunft. Vielmehr bedarf es in einer zunehmend vernetzten und digitalisierten Welt starker Zusammenarbeit insbesondere im Bereich der kritischen Infrastruktur - wie Energieversorgung, Verkehrs- und Datennetze oder einer sicheren medizinischen Versorgung. Das ist der Grundtenor der Kernaussagen einer hochrangig besetzten Diskussionsveranstaltung zur kritischen Infrastruktur bei Austrian Standards.
Europa drohe in Sachen kritischer Infrastruktur gegenüber anderen großen Wirtschaftsräumen wie den USA deutlich ins Hintertreffen zu geraten, lautet der Befund von Mario Holzner, dem Leiter des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW). Einen Grund dafür macht er in unterschiedlicher Schwerpunktsetzung aus. So hätten die USA anders als Europa einen ausgeprägten militärisch-industriellen Komplex. In Summe würden in den USA drei Mal so hohe öffentliche Mittel in diesen Sektor fließen. "Das ist ein Kern des Problems in Europa", sagt Holzner am Mittwochabend bei der Veranstaltung zum Thema "Wie kritische Infrastrukturen Europas Zukunft entscheiden" in Wien.
Gemeinsame Standards können ethische Aspekte bei KI sichern
China verfolge eine eigene Strategie, unterstreicht Valerie Höllinger, die Leiterin von Austrian Standards. Dort zähle vor allem Tempo, zudem stehe Standardisierung im Verfassungsrang. "China hat verstanden, wer den Standard hat, der hat auch den Markt", sagt Höllinger. Europa gehe einen anderen Weg und setze auf gemeinsame und freiwillige Standards. Das dauere länger, sei aber der Garant für Sicherheit und Nachhaltigkeit. Standards seien auch für Bereiche wie Künstliche Intelligenz (KI) oder autonomes Fahren notwendig, um etwa ethische Aspekte berücksichtigen zu können.
Europas Problem seien nicht zu hohe Standards, sagt Höllinger, "sondern zu späte Abstimmung von Standards, Regulierung und Umsetzung". Aktuell überwiege der Dissens. Gemeinsame Standardisierung dagegen mache "Innovation skalierbar, stärkt Resilienz und ermöglicht Europas Mitgestaltung globaler Märkte und Technologien".
Song Contest - Cybersicherheit reicht nicht an physische Sicherheit heran
Cornelius Granig, ein Experte für Cybersicherheit, fordert mehr Zusammenarbeit bei der Abwehr von Internet-Attacken ein. "Wir brauchen hier mehr internationale Zusammenarbeit", sagt Granig. Das könnte besonders im Zusammenhang mit dem European Song Contest (ESC) von Bedeutung sein. Das mediale Großereignis könnte Ziel von Attacken auf kritische Infrastruktur werden. Während physische Sicherheitsmaßnahmen rund um den ESC sehr hoch seien, lasse die Absicherung gegen Cyberattacken noch zu wünschen übrig, meint Granig. Hier könnte insbesondere Expertise aus der Ukraine hilfreich sein - für Österreich und für ganz Europa.
Infrastruktur sei der zentrale Hebel für die Energiewende, sagt Martin Graf, Vorstand der Energie Steiermark. In der Steiermark sei die Photovoltaik-Leistung um das 250-Fache auf 1.000 Megawatt gestiegen. Doch "ohne leistungsfähige Netze, Speicher und Systemstabilität bleibt der politische Anspruch hinter der Realität zurück".
Experte: "Europa muss mehr Wertschöpfung aus exzellenter Forschung erzielen"
Eine wichtige Voraussetzung für belastbare kritische Infrastruktur in Europa ist das nötige Geld. Dafür brauche es einen echten einheitlichen europäischen Kapitalmarkt, fordern mehrere Experten und Politiker, darunter auch WIIW-Direktor Holzner und Othmar Karas als Präsident des Forum Alpbach. Europas Schlüssel zum Erfolg liege in der Kooperation über Grenzen und Fachbereiche hinweg.
Europa müsse es schaffen, aus seiner exzellenten Forschung mehr Wertschöpfung zu generieren, sagt Karl Kugler, der Chef der AI Factory Austria. "Europa hat die höchste Dichte an technischen Universitäten, wir schaffen es aber noch zu selten, daraus Wertschöpfung zu machen". Die Lücke zwischen Wissenschaft und Industrie könnte mit europäischen "AI Factories" und leistungsfähiger Supercomputer-Infrastruktur geschlossen werden. "Auch das gelingt nur gemeinsam statt isoliert".
WIIW-Forscher wirft insbesondere Deutschland Säumigkeit vor
Um international zu reüssieren - wirtschaftlich, technologisch und politisch - gehe es längst nicht mehr um einzelne Innovationen. Während andere Weltregionen massiv auf fossile Energien, Machtpolitik und technologische Deregulierung bauen, setze Europa auf gemeinsame sichere Standards, Nachhaltigkeit und ethische Standards, war man sich in der Expertendiskussion einig.
Insbesondere Deutschland wirft WIIW-Chef Mario Holzner Säumigkeit vor. Dass das größte Land des Kontinents seit vielen Jahren keine großen Innovationen mehr auf den Weg gebracht habe, ist für den WIIW-Chef "eine tragische Sache". Als anschauliches Beispiel nennt er die Tatsache, dass in Deutschland ein guter Teil der öffentlichen Verwaltung noch standardmäßig mit Faxgeräten arbeite.
Säumig sei Deutschland auch beim Brenner-Basistunnel, einer zentralen Verkehrsverbindung zwischen Nord- und Südeuropa. Während der Bau in Österreich und Italien planmäßig voranschreite, habe Deutschland mit den Zubringerstrecken noch nicht einmal begonnen. Damit drohten deutliche Verzögerungen des Gesamtprojekts. "Selbst wenn Deutschland sofort mit den Bauarbeiten begonnen würde, wäre man frühestens erst 2050 fertig", so Holzner. Bisher angepeilt war eine Inbetriebnahme des Basistunnels bis 2032.
Die Veranstaltung war eine Kooperation von Austrian Standards, dem Europäischen Forum Alpbach und dem Zukunft.Frauen Alumnae Club.
fhwk/bel
ISIN WEB http://www.wiiw.ac.at/