FACC-CEO Robert Machtlinger: „Wir sind und bleiben in der Luft“
Der Chef des österreichischen Flugzeugteile-Herstellers aus Ried im Innkreis bedauert den seit Krisenbeginn schrumpfenden Börsenkurs seines Unternehmens, verweist aber darauf, dass an der Wiener Börse auch andere Technologiewerte derzeit von Anlegern nicht eben verwöhnt werden. Das werde sich erst ändern, wenn in der Weltwirtschaft wieder mehr Ruhe und Stabilität einkehre. „Für FACC kann ich sagen, dass wir eine starke Strategie, eine gute Vision, die besten Kunden und eine gute Auftragslage haben. Für uns geht es jetzt darum, wieder auf jene Größe und Ertragskraft zu kommen, die wir vor der Krise hatten.“ Finanziell geht es ihm um eine Steigerung des jährlichen Gesamtumsatzes um rund 100 Millionen Euro, um das Vorkrisenniveau wieder zu erreichen. „Mobilität ist nach wie vor ein Grundbedürfnis der Menschheit. Egal ob das Aussagen der Luftfahrtunternehmen Boeing, Airbus oder Embraer sind. Sie alle bemerken einstimmig, dass der globale Flugmarkt wieder anzieht. Nicht nur dort, auch die Schiene und der Individualverkehr zeigen deutliche Pluswerte. Prinzipiell glaube ich, dass unsere Strategie zukunftsorientiert ist. Dazu kommt der technologische Wandel hin zur Nachhaltigkeit beim Reisen. Die Luftfahrtindustrie hat sich übereinstimmend dazu bekannt, bis 2050 CO2-frei zu fliegen. Ich bin mir zu 100 Prozent sicher, dass die FACC damit richtig positioniert ist, weil wir mit unserem Leichtbau einen wesentlichen Teil dazu leisten, die Luftfahrtindustrie nachhaltiger zu gestalten. Nicht nur weil Leichtbau immer effizienter ist, sondern auch weil wir mit neuen Materialien und Prozessen echte Vorteile beim leistbaren Fliegen und Recyceln der Materialien bieten. Wir können mit unseren neuen Materialien und Erzeugungsprozessen Teile anbieten, die es bisher noch nie zuvor gegeben hat.
Synthetische Flugzeugtreibstoffe funktionieren bereits.
Machtlinger will seine Belegschaft bis 2024 um rund 500 Mitarbeiter auf 3800 erweitern, das neue FACC-Werk in Kroatien auf die dreifache Größe von jetzt ausbauen und die Vorbereitungen für ein CO2-freies Fliegen bis 2050 treffen. Dazu werde unter Hochdruck am Einsatz völlig neuer Materialien – wie Montagetechniken, natürlichen Klebstoffen... - geforscht.
Zum Ersatz fossiler Treibstoffe beim Flugzeugantrieb setzt FACC nicht auf Elektrizität - Batterien seien für ein Flugzeug grundsätzlich viel zu schwer -, sondern auf E-fuels (synthetische Treibstoffe), erzeugt aus nachwachsenden bzw. umweltunschädlichen Ressourcen. Machtlinger erklärt: „Die Industrie beweist, dass solche E-fuels im Flugzeug bereits funktionieren. In Zusammenarbeit der Triebwerkshersteller mit Unternehmen, die synthetische Treibstoffe herstellen, wird sichergestellt werden müssen, dass die benötigten Mengen an neuen Treibstoffen zum richtigen Zeitpunkt und in erforderlicher Menge zur Verfügung stehen. Dazu gibt es diverse Herstellungsverfahren; diese müssen noch verfeinert werden. Der Weg, wie es geht, zeichnet sich bereits ab, die finale Lösung ist im Detail aber noch nicht festgelegt; dann gilt es, Energie bereitzustellen, um die synthetischen Treibstoffe zu erzeugen. Dazu kommt: Je leichter und besser die neuen Flugzeuge sind, um so weniger Treibstoff benötigen sie, um so effizienter sind sie dann.“ Alle diese Ideen gemeinsam würden in den bevorstehenden 30 Jahren zusammenwirken und die Weltluftfahrt auf völlig neue Beine stellen.
Um das CO2-freie Fliegen 2050 konkret zu erreichen, muss laut FACC von der Flugzeugbau-Industrie generell eine Verringerung des Fluglärms um 75 Prozent und eine Senkung des Treibstoffverbrauchs durch Verringerung des Flugzeuggewichts um 80 Prozent erzielt werden. Robert Machtlingers Prognose für den globalen Flugzeugbestand bis 2040 ist: Es werden rund 46.720 neue Maschinen gebaut werden müssen, davon 80 Prozent mit einem Mittelgang („single aisle“) und 20 Prozent Großflugzeuge („wide bodies“). Denn das Flugreiseaufkommen werde in Europa bis 2050 um 15 Prozent steigen, in China nur um 1 Prozent, in Mittelost jedoch um 11 Prozent, in den USA jedoch um 6 Prozent sinken.
Für die FACC bedeutet diese rosige Vorausschau einen aktuellen Auftragsstand für Zulieferungen an alle großen Flugzeugbauer der Erde für 13.000 Maschinen. Der Kunde Airbus trägt gut 60 Prozent zum FACC-Umsatz bei, wobei der Airbus A 320 für FACC der mit Abstand umsatzstärkste Flugzeugtyp ist.
Zur Zeit beträgt der gesamte Auftragsstand auf dem bereits voll ausgebuchten globalen Flugzeugmarkt und trotz verstärkter Auslieferungstätigkeit rund 5,5 Milliarden US-Dollar; das untermauert den Optimismus in der Branche. Weiters die Tatsache, dass etwa 80 Prozent der Weltbevölkerung noch nie ein Flugzeug benützt hat, das aber gern tun würde.
Einstieg in den urbanen und den Welt-Raum.
Das künftige Wachstum von FACC soll nicht auf die Luftfahrt beschränkt bleiben. Zwei neue zukunftsträchtige Bereiche – Raumfahrt und Drohnen für den urbanen Mobilitätsbereich – stehen im Strategiepapier der FACC. Die ersten Erfahrungen wurden diesbezüglich bereits mit Zulieferungen für das europäische Raumfahrtprojekt der Trägerrakete Ariane 6 gemacht. Machtlinger: „FACC hat tragende Strukturen für diese Rakete entwickelt und geliefert; es geht dabei z.B. um Wetter-, Daten-, Mobilfunk- oder Beobachtungssatelliten, die von einer einzigen Trägerrakete kosten- und platzsparend ins All befördert werden. Bei der Drohnenfertigung geht es um die Entwicklung von Personen- oder Pakettaxis speziell für den städtischen Raum. In der F&E von FACC stehen daher Entwicklungsziele wie „RTM Integralbauteile mit duroplastischer Matrix“, in der Fertigung „schnelle duroplastische Matrixsysteme und Klebetechnologien“ sowie in der Forschung von FACC „Naturfasern auf Basis nachwachsender Rohstoffe“ für den Bereich Urban Air Mobility im Vordergrund. In den beiden neuen Sektoren – Raumfahrt und Urban Air Mobility -- will sich FACC als Lieferant ultraleichter Kabinenteile global als verlässlicher Partner etablieren. Und möchte der erste professionelle und unübersehbare Lieferant weltweit werden.
Die FACC-Investitionen in der jährlichen Größenordnung von 40 bis 50 Millionen Euro gehen vor allem in neue Produkte, neue Verfahren, neue Werkstoffe und sollen insgesamt der Erhaltung der Technologieführerschaft des Unternehmens dienen. Sie werden allerdings allein vom österreichischen FACC-Management verantwortet und geleitet; aus China kommen dazu weder finanzielle Zuschüsse noch zusätzliche Initiativen. Daneben zieht FACC große Know-How-Vorteile aus den stetigen F&E-Kooperationen mit seinen Hauptkunden Airbus und Boeing.
Wie FACC mit seinem Kernaktionär zurecht kommt?
Auf die naheliegende Frage, woher hat der chinesische Kernaktionär AVIG eigentlich sein Interesse an der FACC, wenn er so wenig steuernden Einfluss wahrnimmt, antwortet CEO Machtlinger: „Der heutige Kernaktionär hat 2009 FACC gekauft, damals hatten wir 275 Millionen Euro Jahresumsatz; heute ist es knapp das Dreifache, und das in nur 10 Jahren. Das ist für einen Eigentümer ein beachtlicher Wertzugewinn.“ Den Zuwachs, den wir im Kerngeschäft zivile Luftfahrt anpeilen, aber auch in den neuen Bereichen „Space“ und „Urban Air Mobility, erwarten, ist für einen Kernaktionär recht attraktiv.“
Die finanziellen Einbußen, die FACC wegen fremdverschuldeter Manipulationen vor einigen Jahren erlitten hat, sind seit 2016 abgeschrieben, aber es wird noch immer prozessiert, berichtet Machtlinger: „Wir bekamen aus China 10,8 Millionen US-Dollar zurücküberwiesen; wir gehen davon aus, dass uns dieses Geld auch ausgehändigt wird. Es gibt aber noch ein laufendes Verfahren in Deutschland; dabei wird versucht, einen Teil von weiteren 42 Millionen an abgeschriebenen Werten geltend zu machen. Das kann länger dauern, aber wir hoffen, den damaligen Schaden minimieren zu können; immerhin sind wir versichert.
Machtlinger deutet an: Aus nationalen strategischen Gründen werde der von FACC neu aufzubauende Sektor Raumfahrt nie von besonderer Bedeutung für den chinesischen Kernaktionär sein. Derzeit zeichne sich allerdings vor allem in den USA ab, dass private Investoren wie Jeff Bezos oder Elon Musk in diese Sparte hineingehen. „Das sind mehr und mehr freie private Märkte, die auch für uns als FACC lohnend sein dürften, insbesondere angesichts unserer guten Zusammenarbeit mit der europäischen Weltraumbehörde.
Noch einige Informationen zur AVIG („Aviation Industry Corporation of China“): Sie hält zur Zeit 55 Prozent der FACC-Aktien. Die AVIG macht mit aktuell rund 407.000 Mitarbeitern weltweit mit mehr als 100 ausländischen Niederlassungen einen Jahresumsatz von gut 60 Milliarden US-Dollar.
Zu den immer wieder aufflammenden Gerüchten, der chinesische Kernaktionär AVIG könnte die FACC demnächst verkaufen oder zumindest von der Wiener Börse nehmen, meint Machtlinger kurz: „Es sind nur Gerüchte, wie Sie sagen, dazu ist mir nichts Konkretes bekannt.“
Aus dem Börse Express PDF vom 28.10. hier zum Download
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