, boerse-express

‘Nachhaltige Trendwende nach oben ist unwahrscheinlich’

Börse Express: Anfang des letztes Jahres-Drittels – wie beurteilen Sie die weiteren Aussichten der Wiener Börse?

Alois Wögerbauer: Eine isolierte Wien-Betrachtung macht wenig Sinn; die letzten 3 Jahre seit 2008 haben gezeigt, dass ein Eigenleben nicht möglich ist und Wien als kleinerer und weniger liquider Markt internationale Bewegungen meist überproportional mitmacht. Da gerade in der europäischen Staatsschuldendiskussion wenig konkrete Lösungsansätze ersichtlich sind und die Anzeichen einer internationalen Wirtschaftsabkühlung sich verdichten, ist eine unmittelbare nachhaltige Trendwende nach oben derzeit eher unwahrscheinlich. Der Markt muss einen Boden finden und wird sich mit vermutlich höherer Volatilität einpendeln.

Börse Express: Was werden Treiber dieser Entwicklung sein?

Alois Wögerbauer: Wir sind weiterhin gefangen zwischen zwei Extremen. Einerseits der Diskussion über die Staatsschulden und die Sorgen um die Konjunktur, andererseits die tiefen Bewertungen. Der ATX notiert derzeit leicht unter dem Buchwert des Eigenkapitals. Das gab es in den letzten 10 Jahren nur einmal - im Herbst 2008 im Rahmen der Lehman-Pleite. Klarerweise drängen sich Vergleiche zur damaligen Situation auf - zuerst fielen die Börsen und dann zog die Wirtschaft nach. Derzeit gibt es aber wesentliche Unterschiede. Die Bilanzen der Unternehmen sind im Vergleich zu 2008 wesentlich besser strukturiert, die Banken sind besser vorbereitet. Zudem waren damals die Rohstoffpreise im Steigen, es wurde vieles einfach auf Lager gekauft, wodurch der Absturz umso brutaler war, da die Anschlusskäufe fehlten. Es bleibt daher das Fazit: Ein gesundes Unternehmen unter dem Buchwert des Eigenkapitals zu kaufen ist nicht falsch - man sollte sich aber nicht einen unmittelbaren Kursanstieg in den kommenden Wochen erwarten. Und: Man muss auch klar analysieren, ob der Buchwert auch der Realität entspricht.

Börse Express: Welche Entwicklung erwarten Sie im Vergleich zu anderen Börsen in Wien?

Alois Wögerbauer: Solange Risikoaversion vorherrscht sehe ich einen Gleichlauf. Sollte sich die Lage beruhigen und mehr wieder Bewertungen und die globale Marktstellung vieler Unternehmen analysiert werden, so hat der heimische Markt sicher vergleichsweise Aufholpotenzial.

Börse Express: Wie positionieren Sie sich in diesem Umfeld?

Alois Wögerbauer: Klarerweise sollte man in Zeiten unsicherer Konjunkturerwartungen das Depot nicht voll haben mit rein konjunkturabhängigen Aktien. Wir sind hier seit Monaten bekannt vorsichtig und bleiben bei Zyklikern und Banken insgesamt untergewichtet. Im Gegenzug sind planbare Geschäftsmodelle ohne den reinen Zusammenhang mit der Konjunktur übergewichtet. Vereinfacht gesagt: Lieber ein Produzent von Mautsystemen, Naturfasern für Bekleidung, medizinischen Handschuhen oder Leiterplatten für Smartphones als ein Stahl- oder Bauunternehmen.

Börse Express: Worauf achten Sie derzeit bei der Aktienauswahl besonders bzw. hat sich das aus den Erfahrungen der letzten Monate/Jahre heraus geändert?

Alois Wögerbauer: Man sollte seine Auswahlkriterien nicht je nach Marktumfeld ändern. Seit Beginn im Jahr 2002 achten wir im 3 Banken Österreich-Fonds auf rein fundamentale Kennzahlen. Der Buchwert des Eigenkapitals in Relation zur Eigenkapitalrendite ist dabei die wesentlichste Kennzahl. Und auch nicht neu: Es ist zu wenig eine reine Österreich-Meinung zu haben. Wir definieren als Haus zuerst klar unser Weltbild - und daraus leiten wir dann auch die Strategie in den Einzelmandaten ab. Ich muss wissen, was in China passiert, um eine Meinung zu heimischen Autozulieferern zu haben. Ich muss wissen was am Rohstoffmarkt passiert, um OMV und Co richtig einzuschätzen. Ich muss wissen, dass das Verhältnis SFR/Ungarischer Forint für viele Ungarn aufgrund der Finanzierung ein Thema ist - und damit in weiterer Folge auch die Erste Bank interessiert. Es hilft nicht, eine heimische Bilanz auswendig zu lernen - aber kein Weltbild zu haben.

Börse Express: Was würden Sie als grösste ‚Wette’ bezeichnen?

Alois Wögerbauer: Unternehmen wie Lenzing, Kapsch TrafficCom sowie AT&S machen ein mehrfaches der Indexgewichtung aus. Es gibt nicht die eine grosse Wette - es gibt aber viele klare aktive Positionierungen.

Börse Express: Ihr Lieblings-Titel ist ...

Alois Wögerbauer: Ein professioneller Aktienmanager darf keine Lieblingstitel haben. Mit Lieblingstiteln ist es wie mit Lieblingsmenschen oder Lieblingsfussballvereinen. Man verliert die Objektivität, verschliesst die Augen vor Problemen. Ich habe einige Aktien die ich im aktuellen Umfeld gerne habe; in 2 Jahren können das ganz andere Aktien sein.

Börse Express: Gibt es No-go's? Bzw. wo lassen Sie derzeit Vorsicht walten?

Alois Wögerbauer: No-go's gibt es nicht prinzipiell. Vorsicht walten lasse ich immer bei jenen Unternehmen, die aufgrund unseres beschriebenen Weltbildes nicht zu den Outperformern zählen dürften.

Börse Express: Was war im bisherigen Jahresverlauf für Sie die grösste Enttäuschung in Wien?

Alois Wögerbauer: Am meisten stört mich die Diskussion über die Telekom Austria - aus folgendem Grund: Es gibt schon wieder Kommentare nach dem Motto: Typisch Wiener Börse. Das ist Unsinn. Diese Diskussion hat mit der Börse aber rein gar nichts zu tun. Es ist vielmehr ein trauriges Sittenbild des österreichischen Innenlebens.

Börse Express: Potenzial für künftige Enttäuschungen liegt in ...

Alois Wögerbauer: Enttäuschungen die man erwartet sind ja keine Enttäuschungen mehr. Enttäuschungen kommen meist unerwartet. Ich denke aber dass etwa eine Telekom-Austria eine Dividende bezahlt, die man sich eigentlich nicht leisten sollte. Hier wird man sich die Frage stellen müssen, ob das wirklich im Interesse der Anleger ist.